Tangerhütte
Sachsen-Anhalt
Bevölkerungszahl: 10.000
Fläche: 295 km²
Rund 40 Kilometer nordöstlich von Magdeburg an der Bahnstrecke Magdeburg–Stendal–Wittenberge gelegen, steht die Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte für Engagement mit Weitblick. Das ländliche Tangerhütte mit seinen rund 10.000 Einwohner*innen setzt sich aus 19 Ortschaften und 32 Ortsteilen auf einer Fläche von 295 Quadratkilometern zusammen.
Neben der Landwirtschaft war historisch bedingt auch die Eisenindustrie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt, inzwischen spielt aber der Ausbau der Erneuerbaren Energien eine immer größere Rolle. Zudem hat die Gemeindeverwaltung seit 2025 mit der Entwicklung einer kommunalen Nachhaltigkeitsstrategie mit Bürger*innenbeteiligung begonnen, wobei zunächst eine umfassende Bestandsanalyse durchgeführt wurde.
Bürger*innenbeteiligung und nachbarschaftliches Engagement
Die Nachhaltigkeitsstrategie wird dabei von Jenny Bartels im Rahmen des Förderprogramms „Koordination für kommunale Entwicklungspolitik“ betreut. Ziel ist es, die Agenda 2030 auf kommunaler Ebene konkret umzusetzen und nachhaltige Strukturen dauerhaft zu verankern. Neben der Strategieentwicklung wird hierbei auch die internationale Partnerschaft des Ortsteils Lüderitz mit dem Lüderitz Town Council in Namibia ausgebaut. Bezugnehmend auf die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) werden durch Bürger*innenumfragen und Arbeitsgruppen schrittweise sechs Bereiche weiterentwickelt: Klimaschutz & Klimaanpassung, Wohnen & nachhaltige Quartiere, Gute Arbeit & nachhaltiges Wirtschaften, Soziale Gerechtigkeit & zukunftsfähige Gesellschaft, Globale Zusammenarbeit & Eine Welt und eine Nachhaltige Verwaltung.
Dabei fällt die Nachhaltigkeitsstrategie auf fruchtbaren Boden, denn neben den vielfältigen Initiativen für den Ausbau Erneuerbarer Energien gibt es in Tangerhütte viele Beispiele zivilgesellschaftlichen Engagements. Hierzu zählen unter anderem das Projekt „Zukunftsküche Tangerhütte“, das sich mit gesundem Bio-Essen beschäftigt, ein Umsonstladen oder Nachbarschaftsnetzwerke, die Geflüchtete mit Sachspenden und bei Behördengängen unterstützen.
Rapider Ausbau erneuerbarer Stromerzeugungsanlagen
Nach Daten der Bundesnetzagentur sind in der Einheitsgemeinde Tangerhütte zurzeit Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarem Strom mit einer Nettonennleistung von rund 261 Megawatt (MW) installiert. Dabei beläuft sich der Anteil von Windenergie auf 189,9 MW, von Solarstrom auf 66,3 MW und von Biomasse auf 4,7 MW. In Tangerhütte sind somit pro Einwohner*in circa 26 Kilowatt (kW) Windkraft- und Photovoltaikleistung installiert.
Insgesamt gibt es aktuell 59 Windenergieanlagen (WEA). Ein Planungskonzept sieht für eine 140 Hektar große Fläche zwischen Uchtdorf und Mahlpfuhl neun zusätzliche Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 64,8 MW vor. Die modernen WEA hätten eine Höhe von 260 Metern, und wenn das Projekt alle Genehmigungshürden erfolgreich bewältigt, wäre eine Inbetriebnahme ab 2031 möglich.
Bei der Photovoltaik vor Ort sind 889 Anlagen gelistet, sowohl kleinere Anlagen wie Balkonkraftwerke oder Hausdachanlagen, als auch große Hallen-Dachanlagen, Freiflächen-Solarparks und Agri-PV-Systeme. Es gibt aktuell Planungen für mehrere neue große PV-Anlagen, davon eine mit 20 MW in Tangerhütte und zudem wird für Uchtdorf ein weiterer Solarpark entwickelt, der deutlich größer als der vorhandene mit sechs MW auf elf Hektar ausfallen soll. Auf rund 110 Hektar ist dabei eine Anlage in Planung, die mit einer Leistung von bis zu 142 MW die Erzeugung von erneuerbarem Strom in Tangerhütte schlagartig um mehr als 50 Prozent erhöhen würde. Gleichzeitig wird dabei die Windenergie von der Solarenergie in Sachen installierter Leistung übertrumpft und der neue Solarpark wäre überdies einer der zehn größten in Deutschland.
Zwei unbeugsame Energiedörfer: Elversdorf und Schernebeck
Die 750 kW Freiflächen-PV-Anlage, für die aktuell eine Erweiterung geplant wird, wurde in der 55 Einwohner*innen zählenden Ortschaft Elversdorf auf einer ein Hektar großen Konversionsfläche errichtet und im Mai 2018 eröffnet. Vorausgegangen war ein über fünf Jahre andauerndes Antragsverfahren. Relativ schnell nach Inbetriebnahme bildete sich die Erkenntnis aus, dass die Anlage viele Möglichkeiten bietet, dem Thema Biodiversität eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Viele Versuchsanordnungen im Laufe der Jahre bildeten die Grundlage für das heutige Pflege- und Wartungskonzept: Mulchen von maximal 50 Prozent der Gesamtfläche. Dabei steht die Etablierung zahlreicher einheimischer Blühpflanzen durch natürliche Aussaat im Vordergrund. Durch die etablierten heimischen Pflanzen hat sich nicht nur der Lebensraum für zahlreiche Insekten weiterentwickelt, sondern auch eine lokale Vogelpopulation.
Maßnahmen zur Akzeptanzförderung
Die breite Akzeptanz der Bevölkerung bildet eine weitere Grundlage für den Erfolg der Anlage. Nach dem Tag der offenen Tür in 2025 gibt es im Jahr 2026 jeden Sonntag die Möglichkeit zur Besichtigung der Anlage. Dabei steht der Austausch mit den Verantwortlichen vor Ort, den Einwohner*innen und politischen Entscheidungsträger*innen im Vordergrund. Begründet in den durchweg positiven Erfahrungen ist eine Erweiterung der Anlage um 9,8 Hektar und 13 MW Leistung geplant. Dabei steht die Akzeptanz vor Ort im Vordergrund. Die frühzeitige Befragung aller Einwohner*innen im Jahr 2023 ergab eine sehr große Befürwortung. Aus den intensiven Gesprächen ergaben sich folgende konkrete Ansätze zur weiteren Akzeptanzförderung:
Jährliche Unterstützung der örtlichen Vereine, Schaffung von Modellen zur direkten finanziellen Beteiligung an der Anlage (Bürger*innensolarpark), Nutzung sich zukünftig bietender Möglichkeiten zur regionalen Stromversorgung, Erarbeitung konkreter Beispiele zur Verwendung der Gelder aus dem Akzeptanz- und Beteiligungsgesetz, Schaffung einer Heckenstruktur zur ökologischen Aufwertung und als Sichtschutzmaßnahme, Förderung unterhaltender Maßnahmen in der Kirche, Anschaffung einer Sandsackbefüllmaschine, Unterstützung der Feuerwehr sowie Anlegen mehrerer Streuobstbereiche inklusive der Renaturierung des vorhandenen Dorfteiches mit dem Ziel einer Entwicklung des Radwandertourismus.
Die besondere Struktur in der kommunalen Zusammensetzung (Elversdorf ist Ortsteil der Ortschaft Demker) erschwert den Antrag des Bauleitverfahrens. Der zuständige Ortschaftsrat, als Gremium im Entscheidungsprozess, konnte aufgrund persönlicher Bedenken bisher keinen positiven Beschluss fassen. In Demker hatte der Ortschaftsrat allerdings bereits vor Jahren eine Gebietskulisse von 50 Hektar für Solar- und Windenergie festgelegt, wobei es in Demker selbst bisher keine Solaranlage gibt.
„Die positive Resonanz zu unseren Erweiterungsplänen seitens der örtlichen Bevölkerung, durch die Feuerwehr bzw. die Jugendfeuerwehr und durch den regionalen Verein, bewirkt die Fortführung unserer Aktivitäten im Hinblick auf die Beantragung der 13 MW Anlage mit dem Ziel einer Baugenehmigung", so Mitinitiator Jan Schliefke.
Nachwachsende Rohstoffe und das Bioenergiedorf Schernebeck
Zurzeit erzeugen sieben Blockheizkraftwerke (BHKW) in Lüderitz, Uchtdorf, Schönwalde, Grieben und Bellingen aus Biomasse Strom und Wärme. Als neu in Planung ausgewiesen ist ein weiteres BHKW mit 2,1 MW elektrischer Leistung und 2,2 MW thermischer Leistung, das in Grieben installiert werden soll.
Das Dorf Schernebeck, welches die Transformation in ein autarkes Bioenergiedorf anstrebt, ist ein herausragendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement im ländlichen Raum. „Wir planen unsere Zukunft“ lautet das Motto – und alle packen mit an. Ein Förderverein setzt sich dafür ein, dass sich das Dorf künftig zu 100 Prozent mit Erneuerbaren Energien selbst versorgt.
Dabei soll unter anderem auf einer Fläche von sieben Hektar eine Agri-PV-Anlage errichtet werden, eine geplante Großwärmepumpe speist das neu verlegte dörfliche Nahwärmenetz und zudem sollen noch ein Solarthermiefeld von etwa 0,7 Hektar Fläche und ein optionales Hackschnitzel-BHKW realisiert werden.
Kommunale Wärmeplanung für die Wärmewende in Tangerhütte
Die Einheitsgemeinde Tangerhütte hat eine Förderung erhalten und geht damit als eine der ersten Kommunen in der Altmark mit gutem Beispiel in Sachen zukunftsorientierter Energiepolitik voran. Ziel ist eine klimafreundliche Wärmeversorgung bis 2045 – der Impuls für das Wärmestrategie-Projekt kam dabei von der Initiative für das Energiedorf Schernebeck.
Mit circa 40 Prozent ist der Wärmesektor ein Hauptverursacher von CO₂-Emissionen, wobei der Gesamtwärmebedarf in Tangerhütte bei 136 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr liegt und davon 63 Prozent auf Erdgas basieren, was 33.800 Tonnen CO₂-Emissionen jährlich entspricht. Die Szenarienentwicklung zeigt: Der Wärmebedarf kann aufgrund von energetischer Sanierung, dem Ausbau Erneuerbarer Energien und dem demografischen Wandel bereits bis 2035 um 55 GWh/Jahr bzw. 40 Prozent reduziert werden. Kern der Transformation der Wärmelandschaft ist es aber, die Nutzung von Wärmepumpen und Fernwärme massiv auszubauen.
Stromspeicher – Tangerhüttes große Powerbank
Die Nettonennleistung aller aktuell 374 installierten Stromspeicher beträgt 1,9 MW, wobei es 87 Speicher mit weniger als zwei kW (hauptsächlich von Balkonkraftwerken), 224 mit zwei kW bis 9,9 kW und 63 Speicher mit zehn kW oder mehr gibt.
Am 15. Juli 2026 wurde zum Spatenstich für einen großen Batteriespeicher geladen, der dabei hilft, Erneuerbare Energien besser nutzbar zu machen. Das Speichersystem mit 15 Megawatt Leistung und 30 Megawattstunden Speicherkapazität kann Einspeisespitzen von Solar- und Windenergieanlagen zwischenspeichern, Netzschwankungen reduzieren und das regionale Stromnetz entlasten.
„Mit dem Batteriespeicher entsteht in Tangerhütte ein konkretes Zukunftsprojekt. Es zeigt, dass die Energiewende nicht nur irgendwo stattfindet, sondern auch hier bei uns vor Ort. Speicher sind ein wichtiger Baustein, damit Strom aus erneuerbaren Energien besser in das Energiesystem integriert werden kann“, so Oberbürgermeister Andreas Brohm.
Veröffentlicht: August 2026