Stuttgart
Baden-Württemberg
Bevölkerungszahl: 612.663
Fläche: 207 km²
Die baden-württembergische Landeshauptstadt überzeugt seit Jahren mit ihren Bestrebungen hin zu einer klimaneutralen Stadt. Dieses Ziel soll bereits bis 2035 erreicht werden. Ein besonderer Fokus liegt hierbei im Bereich der Energiewende, koordiniert durch das Stuttgarter Amt für Umweltschutz.
Bereits 1977 begann Stuttgart mit einem kommunalen Energiemanagement. Energie- und Wasserverbrauch der städtischen Liegenschaften werden seit Jahrzehnten zentral beobachtet und durch zielgerichtete Maßnahmen eingespart. Das 1995 entwickelte stadtinterne Contracting als Teil des Energiemanagements gilt als Vorreitermodell und wurde mit dem Klimaschutzpreis des Bundesumweltministeriums ausgezeichnet. Hierbei werden Investitionen zur Einsparung von Energie und Wasser als zweckgebundenes und zinsfreies Darlehen vom Umweltamt vorfinanziert. Weiterhin sorgt die städtische Energierichtlinie für einen Rahmen, der sich auf alle kommunalen Gebäude bezieht und Vorgaben für Neubauten und Sanierungsvorhaben aufstellt. So sollen alle städtischen Neubauten als Plusenergiegebäude konzipiert werden, die durch Sonnenenergie und Speicher versorgt werden. Photovoltaik und Speicher sind auch bei Sanierungen vorgesehen, die laut Richtlinie ganzheitlich erfolgen sollen. Ein jährlicher Energie- und Klimaschutzbericht dokumentiert die Entwicklungen. Parallel werden die Maßnahmen durch verschiedene Kommunikationsmaßnahmen begleitet, darunter Veranstaltungen, Beratungsangebote und Kampagnen.
Ergänzend dazu verfügt Stuttgart über eine vielseitige Förderlandschaft im Bereich Energie und Nachhaltigkeit. Die Stadt unterstützt private Haushalte, Unternehmen und Vereine unter anderem bei der Installation von Photovoltaikanlagen, der energetischen Gebäudesanierung sowie bei Maßnahmen zur Heizungsoptimierung oder Effizienzsteigerung. Programme zur Begrünung von Dächern und Fassaden, zur Regenwasserbewirtschaftung sowie zur nachhaltigen Mobilität ergänzen dieses Angebot. Durch diese Förderstruktur werden kommunale Klimaziele nicht nur verwaltungsintern verfolgt, sondern aktiv in die Stadtgesellschaft getragen. So auch durch die Sanierung der Eissporthalle in Stuttgart-Degerloch. Diese wird durch Dach-PV und Wärmepumpen zukünftig als „Klimaneutrale Eiswelt“ betrieben. Dadurch hat Stuttgart als eine von sechs Städten die Auszeichnung „Klimaaktive Kommune 2025“ des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) gewonnen.
Energetische Sanierung von Schulen
Auch die neuen Generationen stehen im Fokus: Durch Projekte wie „Lukratives Energiesparen in Stuttgarter Schulen“ (LESS) werden Kinder schon im jungen Alter an Klimabewusstsein und Energiesparmaßnahmen herangeführt. Außerdem stellen die zahlreichen Schulen einen zentralen Kern des städtischen Gebäudebestands dar und werden nach und nach energetisch saniert. Ein Vorzeigeprojekt ist die Uhlandschule, Deutschlands und Europas erste sanierte Plusenergieschule. Die 2017 abgeschlossene Sanierung umfasst Dämmung, Photovoltaik, dezentrale Lüftung und durch Geothermie betriebene Wärmepumpen, sodass die Schule mehr Energie produziert, als sie verbraucht. Auch Komfort für alle wurde in Form von natürlichem Licht, Schallschutz, guter Akustik sowie Barrierefreiheit berücksichtigt, was sich bei einer verbesserten Zufriedenheit von Schüler*innen und Lehrkräften im Vergleich zu vor der Renovierung zeigt. Die Nutzung der neuen Anlagen wird zudem von einem Monitoring begleitet.
Darüber hinaus wurden im November 2025 Solarzellen auf der Wilhelm-Maybach-Schule installiert, was einen besonderen Meilenstein darstellt. Somit wurde nun auf allen Stuttgarter Schulen PV installiert, insofern dies laut Gutachten sinnvoll und möglich ist. Schulen, die beispielsweise in Kürze saniert werden sollen, werden erst dann bestückt. Die PV-Anlagen auf Schulen gehören zu den insgesamt 320 installierten PV-Flächen auf städtischen Gebäuden – Tendenz stark steigend, da bereits 250 weitere Anlagen geplant und geprüft werden. Diese erzeugen rund 50 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr und vermeiden somit rund 18.000 Tonnen CO₂-Äquivalente. Der restliche Strombedarf der Stadt wird seit 2012 aus 100 Prozent erneuerbaren Quellen gedeckt.
Kommunale Wärmeplanung und zukunftsorientierte Quartiersentwicklung
Für die 2023 fertiggestellte Kommunale Wärmeplanung wurden Daten von knapp 200.000 Gebäuden gesammelt und je nach Verfügbarkeit und Energiebedarf Empfehlungen für die Wärmeversorgung entwickelt. Eine weitere Besonderheit: Anders als in anderen Städten wurde die kommunale Wärmeplanung vom Amt für Umweltschutz in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken und nicht von externen Ingenieursbüros erstellt. Damit ist auch eine Umsetzung im nächsten Schritt gewährleistet.
Auch die Stuttgarter Quartiersentwicklung ist Teil der lokalen Nachhaltigkeitsstrategie. Neben einer grünen Energieversorgung steht der Fokus auch auf sozialen Fragen in der Stadtplanung. Beispiele hierfür sind der NeckarPark und das geplante Quartier Rosenstein. Das Stadtquartier NeckarPark ist auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs entstanden und nimmt jetzt eine Vorreiterrolle in der energetischen und erneuerbaren Stadtplanung ein. Auf 25 Hektar sollen rund 2.000 Menschen in einem Quartier der kurzen Wege leben und arbeiten. Neben umweltfreundlicher Mobilität durch Fahr- und Lastenräder, Carsharing und eine sehr gute Anbindung an den ÖPNV stehen vor allem die Ausbildung des Areals als Bildungsquartier mit Schulen, Kitas und einem Gebäude der Volkshochschule und die nachhaltige Energieversorgung im Fokus. Für die Wärme wird Abwasser genutzt und durch Blockheizkraftwerke (BHKW) ergänzt. Für alle Neubauten gibt es zudem eine Photovoltaik-Pflicht. Auch Regenwassernutzung durch wasserdurchlässige Beläge und Zisternen sowie die Begrünung von Quartiersflächen, Dächern und Fassaden sind vorgesehen.
Das größte Zukunftsprojekt der Stadt wird Stuttgart Rosenstein. Auf der Fläche, auf der sich gegenwärtig die Gleise des noch oberirdisch befahrenen Hauptbahnhofs befinden, bieten sich zukünftig 85 Hektar für eine nachhaltige Stadtplanung. Durch die Verlegung der Gleise des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs in den Untergrund sollen drei neue Quartiere und ein Park entstehen. Unter Beteiligung der Bürger*innen wird ein urbanes, soziales und klimaangepasstes Stadtgebiet entwickelt. Auch wenn bislang überwiegend Visionen vorliegen, zeigt die Strategie, wie zukunftsorientierte Stadtplanung gestaltet werden kann.
Im Synergiepark Vaihingen, einem Industriegebiet im Südwesten der Stadt, ist außerdem ein großes Nahwärmenetz geplant. Im Projekt „Klimaschutzimpulse für den Synergiepark Stuttgart“ (KISS) wurden bereits Maßnahmen geprüft, um den motorisierten individuellen Pendelverkehr zu reduzieren und eine Wärme- und Energiewende im Vaihinger Industriegebiet voranzutreiben. Durch eine Förderung des Fahrrad-Pendelns durch Job- und Lastenräder sowie den Aufbau von Fahrradständern, Ladestationen, Fahrradduschen und Werkstätten konnte der Anteil der Radfahrenden seit 2020 von drei auf acht Prozent gesteigert werden. Auch Investitionen in das Deutschlandticket und in Elektroautos wurden erfolgreich getätigt. Darüber hinaus ist eine zentrale Wärmeplanung für den Synergiepark angedacht, die vor allem die Abwärme eines Rechenzentrums nutzen soll. Auch drei Energiezentralen sind geplant, die durch Abwasser oder oberflächennahe Geothermie heizen sollen. Die Koordination übernehmen hierbei die Stadtwerke.
Internationale Energiepartnerschaft mit Bălți
Darüber hinaus pflegt Stuttgart mit ihren internationalen Partnerschaften den interkulturellen Austausch und Wissenstransfer. Aus energiepolitischer Perspektive besonders hervorzuheben ist hier vor allem die Energiepartnerschaft mit der moldawischen Stadt Bălți im Rahmen des von der AEE durchgeführten Projekts Energiewende Partnerstadt 3.0. Mit Hilfe des Engagements des städtischen Umweltamtes hat die nordmoldawische Kommune eine Energierichtlinie entwickelt, die auf den Stuttgarter Erfahrungen und Empfehlungen aufbaut. Diese Erfahrungen wurden mit den politischen Vertreter*innen der Stadt Bălți sowie moldawischen Energiewende-Engagierten im Rahmen der gemeinsamen Workshops geteilt und führten auch dazu, dass in einem ersten Piloten Energiemanagerinnen angestellt wurden, die die lokale Energiepolitik und die Richtlinie weiter entwickeln sollen. „Konkrete Lösungen für Globale Herausforderungen werden auf lokaler Ebene initiiert und umgesetzt, sei es im Klimaschutz oder im Bereich Energie. Dabei spielen der europäische, internationale Wissenstransfer und Best Practice-Austausch eine immer gewichtigere Rolle. Themenpartnerschaften wie die Energiepartnerschaft mit Bălți tragen wesentlich dazu bei“, so Dr. Frédéric Stephan, Leiter der Abteilung Außenbeziehungen. Andreas Neft, Leiter des Amts für Umweltschutz ergänzt: „Im Projekt Energiewende Partnerstadt 3.0 konnte die Landeshauptstadt Stuttgart ihre Vorreiterrolle im Bereich Erneuerbare Energien auch im europäischen Ausland einbringen. Wir freuen uns, dass wir im Austausch mit der Stadt Bălți die Vorzüge eines fortlaufenden Energiemanagements aufzeigen konnten und nach unserem Vorbild eine Energierichtlinie entwickelt wurde. Nur durch Kontinuität, politischen Willen und gesellschaftliche Beteiligung kann die Energiewende gelingen.“
Kommunale Pflichtaufgaben
- Abwasserbeseitigung
- Betrieb von öffentlichen Schulen
- Kommunale Wärmeplanung
- Öffentliche Wasserversorgung
- Entwässerung
- Verkehr/Mobilität
Veröffentlicht: Dezember 2025