Bremen
Bremen
Bevölkerungszahl: 704.881
Fläche: 419 km²
Klimaneutralität bis 2038 – das ist der klare Zielpfad der Freien Hansestadt Bremen. Bis dahin will das kleinste deutsche Bundesland, das die zwei Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven umfasst, seine Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 verringern. Das entspräche einem jährlichen Gesamtausstoß von 0,67 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Damit verfolgt Bremen aktuell die ambitioniertesten Klimapläne aller Bundesländer, die entweder 2040 oder wie der Bund 2045 anpeilen.
Die rechtliche Grundlage bildet das Bremische Klimaschutz- und Energiegesetz (BremKEG), das seit 2015 besteht und in seiner aktuellen Fassung auch verbindliche Zwischenziele festschreibt. Darauf und auf Empfehlungen einer parteiübergreifenden Enquetekommission aufbauend hat der Senat im Jahr 2022 die Klimaschutzstrategie 2038 beschlossen. Dazu gehören das Landesprogramm Klimaschutz von 2023, das notwendige Strukturen und Prozesse definiert und etabliert, ein neues Finanzierungskonzept von 2024, der 2025 fortgeschriebene Aktionsplan Klimaschutz, der konkrete Klimaschutzmaßnahmen zusammenführt, sowie die Priorisierung sogenannter Fastlane-Maßnahmen mit großer Klimawirkung. Parallel dazu bewertet ein verpflichtender Klimacheck die positiven wie negativen Folgen aller Senatsvorlagen auf die Umwelt. „Der Klimacheck soll das Bewusstsein schärfen, damit Klimaschutz bei allen Entscheidungen der Fachressorts mitgedacht wird“, sagt Bürgermeister Andreas Bovenschulte. „Er soll dazu beitragen, dass klimafreundliche Alternativen bereits in die Planungen mit einbezogen werden.“
Eine Fülle von Klimaschutzmaßnahmen
Der zentrale Aktionsplan Klimaschutz enthält 247 Maßnahmen, davon 101 auf Landesebene, 59 Maßnahmen der Stadt Bremen und 87 Maßnahmen der Stadt Bremerhaven. Diese verteilen sich auf die sechs Themenbereiche Energie & Abfallwirtschaft; Gebäude, Wohnen, Stadtentwicklung & Klimaanpassung; Industrie, Wirtschaft & Häfen; Klimabildung & Wissenschaft; Konsum & Ernährung; Mobilität & Verkehr. Während bundesweit die Treibhausgasemissionen in den Energiesektoren Verkehr und Gebäude seit Jahren stagnieren oder sich sogar erhöhen, setzt das Land Bremen die mit Abstand meisten Maßnahmen in diesen zwei Bereichen um. Der Fortschritt einzelner Handlungsfelder ist auf der eigens erstellten Website für den Aktionsplan Klimaschutz sowie im aktuellen Monitoringbericht öffentlich einsehbar. Das schafft Transparenz und trägt somit zur Akzeptanz der Klimaschutzstrategie in der Bevölkerung bei.
Bereits abgeschlossen ist erst ein kleiner Teil der Maßnahmen, die allerdings schon jetzt eine große Wirkung entfalten. Zu nennen sind hier primär der 2024 vollzogene Kohleausstieg, der Bau einer Fernwärmeverbindungsleitung für die Nutzbarmachung der Abwärme des Müllheizkraftwerks, Senatsbeschlüsse über eine PV-Pflicht und die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude, die Ausweisung von Gewerbeflächen für Windenergie in Bremerhaven, die Umstellung auf einen klimaneutralen ÖPNV, die Erstellung eines Elektromobilitätskonzepts sowie mehrere Förderprogramme für Gebäudeeigentümer*innen und Klimabildungskonzepte. Zudem sind über 150 Maßnahmen derzeit in der Umsetzungsphase, weitere knapp 50 in Vorbereitung.
Evaluationen des Aktionsplans Klimaschutz
2024 wurde der Sachverständigenrat zu Fragen des Klimaschutzes und der Energiepolitik, kurz Sachverständigenrat Klima, etabliert. Das aus sechs von politischen Institutionen unabhängigen Expert*innen bestehende Gremium begleitet über fünf Jahre Bremens Klimaschutzpolitik, indem es Monitoringberichte analysiert, Senatsmaßnahmen bewertet und auch eigene Vorschläge für Klimaschutzmaßnahmen vorlegen kann, sollten CO₂-Minderungsziele verfehlt werden.
Die erste Stellungnahme wurde zum Monitoringbericht Klima 2025 vorgelegt. Trotz einer grundsätzlich positiven Bewertung des Aktionsplans Klimaschutz und der Vorbildrolle der öffentlichen Hand verweisen die Sachverständigen auf nicht weit genug gehende Maßnahmen und Verzögerungen sowie die teils unklare Finanzierungssituation, die die Umsetzung gefährden könnten. Der Rat empfiehlt eine Priorisierung der Maßnahmen und die Zusammenführung zu Leuchtturmprojekten, um Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern. Diese sollen effektiver durch den Einsatz verschiedener Instrumente umgesetzt werden: rechtliche Vorgaben, finanzielle Anreize, Infrastrukturmaßnahmen, Bildungsangebote, Kommunikation und Bürger*innenbeteiligung. Zudem fordern die Expert*innen eine Überprüfung der Folgen für soziale Gerechtigkeit bei der Verteilung von Be- und Entlastungen sowie eine systematische Verknüpfung von Klimaschutz und Klimaanpassung.
2026 veröffentlichte das ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg eine Wirkungsanalyse des Aktionsplans, die eine umfassende Bewertungsgrundlage zur CO₂-Wirkung der enthaltenen Maßnahmen schafft. Laut dem Gutachten werden die Klimaziele nur erreicht, wenn alle wissenschaftlich empfohlenen Handlungsmöglichkeiten konsequent ausgeschöpft werden: Selbst wenn alle aktuell geplanten Vorhaben umgesetzt werden, reicht das im Mit-Maßnahmen-Szenario (MMS) voraussichtlich nicht aus – Bremen würde dann nur 85 bis 90 Prozent Reduktion gegenüber 1990 erreichen statt der benötigten 95 Prozent. Besonders wirkungsstarke Maßnahmen und innovative Ansätze werden hervorgehoben, und die Analyse liefert wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung des Aktionsplans sowie für eine zielgerichtete Nachsteuerung der Klimaschutzpolitik.
Das gilt besonders für die Dekarbonisierung der Stahlindustrie als größter Hebel in Bremen. So heißt es im Monitoringbericht zum Umsetzungsstand des Aktionsplans Klimaschutz von 2025: „Arcelor-Mittal hat entschieden, die Dekarbonisierung und Transformation der Stahlproduktion in Bremen im Rahmen des IPCEI-Projekts DRIBE2 nicht weiterzuverfolgen. Das ist ein schwerer Rückschlag für den Industriestandort Bremen, die Beschäftigten und die Erreichung der Klimaziele. Bremen hatte sich intensiv für die Transformation eingesetzt: Rund 250 Millionen Euro für den Umbau des Stahlwerks wurden bereitgestellt, der Bund sicherte fast 600 Millionen Euro zu. Der Anschluss in Mittelsbüren an das Wasserstoffkernnetz sowie die Entwicklung des Energieknotens im Bremer Industriepark einschließlich eines neuen Umspannwerkes bieten ArcelorMittal gute Voraussetzungen, um am Standort die notwendigen Zukunftsperspektiven für die klimafreundliche Stahlerzeugung zu entwickeln.“
Innovative Energieversorgung für die Überseeinsel
Als Leuchtturmprojekt, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat, lässt sich beispielsweise die Bremer Überseeinsel bezeichnen. Seit 2019 entsteht auf dem ehemaligen Kellogg’s-Gelände direkt an der Weser ein neues, bereits mehrfach prämiertes Stadtquartier. Die Bürger*innen werden aktiv in die Pläne zur Nachnutzung einbezogen, denn sie selbst sollen davon profitieren. So gibt es schon heute und in Zukunft neue Sport-, Freizeit- und Erholungsangebote, Kunst und Kultur, Gastronomie, Wohnraum, Gewerbe sowie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Zu letzteren zählt auch der Klima-Campus, ein bis 2027 geplanter Aus- und Weiterbildungsort für klimaschutzrelevante Ausbildungsberufe. Das dazugehörige TecLab, ein Berufsorientierungslabor, wird den Standort virtuell mit dem Klimahaus Bremerhaven verknüpfen, einer interaktiven Wissens- und Erlebniswelt zu Klimazonen und Auswirkungen der menschengemachten Klimakatastrophe.
Das Besondere an der Überseeinsel ist das innovative Energiekonzept: Wärme und Kälte für rund 600 Haushalte sowie Kultur- und Freizeitangebote werden seit Mai 2025 mittels einer Flusswasser-Wärmepumpe aus der Weser gewonnen. Mit einer Leistung von fünf Megawatt (MW) zählt sie aktuell noch zu den größten ihrer Art in Deutschland. Da die Weser im Winter häufig kälter als die benötigten vier Grad Celsius ist, wurde in Zusammenarbeit mit dem ILK Dresden (Institut für Luft- und Kältetechnik) ein Vakuum-Kondensationsverfahren entwickelt, das bis zu 0,1 Grad Celsius kaltes Wasser verdampfen lässt – das ermöglicht den Betrieb auch bei sehr niedrigen Wassertemperaturen. An warmen Tagen kommt ein Flüssigeiserzeuger in Verbindung mit einem 150 Kubikmeter großen Eisbreibehälter als Kältespeicher zum Einsatz und kühlt die umliegenden Gebäude. Zum System gehört außerdem ein Oberflächenkaltwasserspeicher, der im Sommer zusätzlich Wärme für die Wärmepumpe bereitstellt. Von November bis März wird diese Fläche vereist und als öffentliche Eislaufbahn genutzt.
Der Strom kommt fast ausschließlich aus regionalen Windparks und PV-Anlagen auf den Dächern der Überseeinsel sowie Solarparks in der Umgebung. Er wird mittels einer Power-to-Heat-Anlage mit einem Megawatt elektrischer Leistung im 600 Kubikmeter großen Wärmespeicher aufgenommen. In Kombination mit einem intelligenten Steuerungssystem wird eine flexible Stromnutzung und Lastverschiebung ermöglicht.
Ergänzend dazu ist die Verkehrsplanung stark auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: Fuß- und Radverkehr haben Vorrang, die inneren Straßen sind als verkehrsberuhigte Wohnwege ohne Parkplätze gestaltet, und das Parken erfolgt ausschließlich in zentralen Quartiersgaragen. Im autofreien Verkehrskonzept der Überseeinsel ist der Mobilitäts-Hub ein zentraler Aspekt – ein 14-stöckiges Parkhaus mit 455 Parkplätzen, davon 100 für Carsharing. Hier finden sich neben Autostellplätzen mit Ladeinfrastruktur auch Fahrradstellplätze sowie ein Leihangebot mit E-Scootern, E-Rollern, Fahrrädern und E-Lastenrädern. Zusammen mit dem Schwammstadt-Prinzip für Starkregenvorsorge macht das Energie- und Mobilitätskonzept die Überseeinsel zu einem Vorzeigeprojekt nachhaltiger Stadtentwicklung in Europa.
Erneuerbare Energien in Bremen
Das Land Bremen hat das bundesweit festgelegte Teilflächenziel für 2032 von 0,5 Prozent der Landesfläche für Windenergie an Land bereits erreicht. Dafür sorgen 88 Windenergieanlagen mit insgesamt 191 MW Leistung. Weitere neue Flächen werden für die Windenergie geprüft, darunter Gewerbe- und Industriegebiete. Auch Repowering wird die Leistung nach und nach erhöhen. Die Photovoltaik hat in den letzten Jahren rasant zugelegt: Ende 2025 gab es bereits 15.500 PV-Anlagen mit insgesamt 188 Megawatt-Peak Leistung, darunter 6.300 Balkonkraftwerke. Auf öffentlichen Gebäuden wurden allein im Jahr 2024 etwa 100 neue Anlagen in Betrieb genommen. Um den Ausbau weiter zu beschleunigen, fördert das Land kostenlose Solarberatungen der gemeinnützigen Klimaagentur energiekonsens und des BUND Bremen für Hausbesitzer*innen, Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Sportvereine, Stiftungen und kirchliche Organisationen. Seit 2012 liefert zudem das Wasserkraftwerk am Weserwehr mit zehn MW Leistung rund um die Uhr umweltfreundlichen Strom für 15.600 Bremer Haushalte. Die Fallhöhe am Wehr beträgt durch den Tidenhub zwischen zwei und sechs Metern. Zusammen decken Wind, PV und Wasser mit knapp 400 MW installierter Leistung und etwa 650 Millionen Kilowattstunden pro Jahr Strom rund 41 Prozent des häuslichen Strombedarfs in Bremen.
Wärmepläne für Bremen und Bremerhaven und ein Genossenschaftsprojekt
Für die Freie Hansestadt Bremen wurden zwei kommunale Wärmepläne erstellt: Die Planung für die Stadtgemeinde Bremen wurde im April 2026 von der Bremischen Stadtbürgerschaft und dem Senat beschlossen, der Wärmeplan für Bremerhaven bereits im November 2025 von der Stadtverordnetenversammlung. Da die Klimaneutralität des Landes bereits für 2038 angestrebt wird, gilt dieses Jahr als Umsetzungsziel für beide Stadtgemeinden. In Bremen sind dafür Fern- und Nahwärme für etwa 36 Prozent des Wärmebedarfs vorgesehen, was einem 293 Kilometer langen Netz mit Investitionen von rund 900 Millionen Euro entspricht. Bremerhaven hat ebenfalls Wärmenetze bis zum Zieljahr im Fokus und plant, damit rund 50 Prozent des Wärmebedarfs zu decken. Damit bleiben Wärmenetze der zentrale Baustein, ergänzt durch dezentrale Wärmepumpen für Gebäude ohne Netzanschluss. Als Wärmequellen werden Flusswasser, industrielle Abwärme und Erdwärme geprüft. Die industrielle Abwärme gilt dabei als unvermeidbare Wärmequelle für die Dekarbonisierung. Energieeinsparung erfolgt vor allem durch Gebäudesanierung in Altbauten sowie durch Sanierungslotsen und Beratungsangebote von energiekonsens.
Dort, wo die Städte keine Wärmenetze planen, übernehmen genossenschaftliche Initiativen wie die ErdwärmeDich Anergienetze eG eine wichtige Rolle. Die Energiegenossenschaft möchte gemeinsam mit Hauseigentümer*innen gemeinwohlorientierte kalte Nahwärmenetze bauen und betreiben. Um Projekte zu initiieren, müssen sich zunächst mehrere an Anergienetzen interessierte Privatpersonen zu sogenannten Nachbarschaftsclustern zusammenschließen, die in der Genossenschaft organisiert sind. Ein Pilotprojekt rund um die Humboldtstraße soll zeigen, wie eine klimafreundliche, unabhängige und wirtschaftlich tragfähige Wärmeversorgung im Quartier umgesetzt werden kann. Nach ersten Suchschachtungen im Februar 2025 folgte im November eine 300 Meter tiefe Probebohrung, die eine technische und ökonomische Machbarkeit bestätigte. Aktuell ist ein Ingenieurbüro mit einer Entwurfs- und Genehmigungsplanung sowie einer fundierten Kostenberechnung beauftragt. Der Baubeginn soll noch 2026 erfolgen. „Mit unserem Ansatz, bürgernahe Erdwärmenetze in Bremer Nachbarschaften zu bringen, sind wir nicht nur in Deutschland ganz weit vorne. Wir gelten auch in Europa als nachahmenswertes Vorzeigeprojekt“, sagt Philipp Metz, Vorstand von ErdwärmeDich. Die Genossenschaft ist gemeinsam mit energiekonsens Partnerin im EU-geförderten Projekt PUBLINK, das bis 2028 die Zusammenarbeit zwischen Energiegemeinschaften und Kommunen stärken soll.
Bremen zeigt, wie die Energiewende gemeinsam von Land, Kommunen und in Genossenschaften engagierten Bürger*innen mit zukunftsweisenden Methoden gestaltet werden kann. Entscheidend ist jetzt, dass die politischen Entscheidungsträger*innen diesen Schwung mitnehmen, um auch die großen industriellen Herausforderungen mutig und mit klaren Konzepten anzugehen.
Kommunale Pflichtaufgaben
- Kommunale Wärmeplanung
- Verkehr/Mobilität
Veröffentlicht: Juni 2026