Bad Berleburg

Nordrhein-Westfalen

Bevölkerungszahl: 18.400
Fläche: 276 km²

  • Wind
  • Solar
  • Bioenergie
© Stadt Bad Berleburg

Die Stadt Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen zeigt eindrucksvoll, wie eine ländlich geprägte Kommune die Energiewende strategisch, sozial ausgewogen und wirtschaftlich erfolgreich gestalten kann. Als „Nachhaltigste Kleinstadt Deutschlands 2020“ und Teil des Programms „Global Nachhaltige Kommune“ verfolgt der Kurort einen ganzheitlichen Ansatz, der Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und Lebensqualität miteinander verbindet.

Im Zentrum steht ein ambitioniertes Ziel: die Treibhausgasneutralität bis 2035. Verankert ist dieses Vorhaben in der 2018 beschlossenen Nachhaltigkeitsstrategie 2030, die seitdem als Kompass für politische Entscheidungen und kommunales Handeln dient. Für Verwaltung und Politik ist klar, dass die Energiewende keine isolierte Aufgabe ist, sondern alle Bereiche der Stadtentwicklung berührt – von der Energieversorgung über die Wärmeplanung bis hin zur Mobilität.

Steigende Energiepreise, die Herausforderungen des Klimawandels und der Wunsch nach stärkerer regionaler Wertschöpfung haben in der 18.400-Einwohner*innen-Kleinstadt früh zu einem Umdenken geführt. Die größte der insgesamt drei Wittgensteiner Kommunen versteht sich nicht nur als Verwalterin, sondern als aktive Gestalterin dieses Transformationsprozesses. Dabei wird bewusst ein integrativer Ansatz verfolgt: Der Ausbau Erneuerbarer Energien soll mit wirtschaftlichen Chancen für die Region verknüpft werden, gleichzeitig aber naturverträglich erfolgen und von einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz getragen sein. 

Wind- und Sonnenenergie im Überfluss

Ein wichtiger Baustein dieses Weges ist die Photovoltaik. Seit 2019 treibt die Stadt den Ausbau auf eigenen Liegenschaften systematisch voran. Ziel ist es, insbesondere energieintensive Gebäude zunehmend unabhängig und wirtschaftlich mit Strom zu versorgen. Sechs Anlagen sind bereits in Betrieb, weitere Projekte befinden sich in konkreter Planung. Parallel dazu öffnet die Kommune ihre Dächer gezielt für Bürger*innensolaranlagen. Dadurch entsteht eine doppelte Wirkung: Zum einen wird die lokale Stromproduktion gesteigert, zum anderen erhalten Bürger*innen die Möglichkeit, sich finanziell an der Energiewende zu beteiligen und von stabilen Erträgen zu profitieren.

Noch deutlicher wird der ganzheitliche Ansatz beim Ausbau der Windenergie. Bereits heute prägen acht Anlagen das Stadtgebiet. Aktuell rechnet die Kommune am Ende des Prozesses mit insgesamt etwa 60 Anlagen, darunter auch die Anlagen im interkommunalen Windpark, den Bad Berleburg derzeit mit der Nachbarkommune Hallenberg plant. Dabei handelt es sich aktuell um das bundesweit größte Projekt zum Ausbau Erneuerbarer Energien. Allein dievon der Paderborner WestfalenWIND-Gruppe geplanten und von Engie umgesetzten Projekte umfassen 32 Windenergieanlagen, deren Bau bereits begonnen hat. Nach der vollständigen Inbetriebnahme bis 2027 sollen jährlich rund 500.000 Megawattstunden erneuerbarer Strom erzeugt werden – genug, um rechnerisch etwa 142.000 Haushalte klimafreundlich zu versorgen. Also fast fünfzehnmal so viel, wie es Haushalte in den 23 Ortsteilen gibt.

Bürger*innen profitieren finanziell

Entscheidend für den Erfolg des Ausbaus ist jedoch, dass die Menschen vor Ort konkret davon profitieren. Die Stadt setzt bewusst auf ein Modell, bei dem die wirtschaftlichen Erträge der Energiewende sichtbar und spürbar in die Bevölkerung zurückfließen. So ist vorgesehen, dass Einwohner*innen jährlich einen pauschalen Zuschuss von 60 Euro für klimafreundlichen Strom erhalten – eine direkte Beteiligung an den Einnahmen aus der Windenergie. Darüber hinaus eröffnen Partizipationsmodelle die Möglichkeit, sich finanziell an Anlagen zu beteiligen und zusätzliche Erträge zu erzielen. Ein weiterer Teil der Einnahmen fließt in eine Nachhaltigkeitsstiftung, die Projekte in allen Ortsteilen unterstützt und so die lokale Entwicklung stärkt. Ergänzt wird dies durch indirekte Effekte: Eine stabile, regionale Energieversorgung kann langfristig dazu beitragen, Preisschwankungen abzufedern und die Energiekosten kalkulierbarer zu machen.

Dass dieses Modell funktioniert, liegt nicht zuletzt an der frühzeitigen und vorausschauenden Planung. Gerade in einer waldreichen Region mit hoher touristischer Bedeutung ist der Ausbau von Windenergie sensibel. Bad Berleburg hat deshalb früh einen Teilflächennutzungsplan entwickelt, der klare Kriterien setzt und insbesondere den Natur- und Artenschutz sowie die Belastung einzelner Ortschaften berücksichtigt. Gleichzeitig wurde großer Wert auf Transparenz gelegt. Planungsprozesse werden offen kommuniziert und zentrale Projektierer haben zugesagt, sich an die gemeinsam definierten Flächen zu halten. So entsteht Vertrauen – eine entscheidende Voraussetzung für Akzeptanz.

Sektorenkopplung im Rothaargebirge

Während der Ausbau der Stromerzeugung bereits weit fortgeschritten ist, richtet sich der Blick zunehmend auf die Wärmeversorgung. Schon heute zeigt ein Biomasse-Heizkraftwerk, das seit 2004 das Rothaarbad und eine Dreifachturnhalle versorgt, wie erneuerbare Wärme erfolgreich eingesetzt werden kann. Die Kommunale Wärmeplanung eröffnet darüber hinaus neue Perspektiven: Geothermie, Solarthermie und der Einsatz von Großwärmepumpen könnten künftig eine zentrale Rolle spielen. Auch Wärmenetze sind Teil der Überlegungen, wobei neben kommunalen Konzepten insbesondere bürger*innenschaftliche Initiativen an Bedeutung gewinnen. So treibt die  Energiegenossenschaft Aue-Wingeshausen-Müsse eG die Realisierung eines Nahwärmenetzes in den Ortsteilen voran. 

Ein weiterer zukunftsweisender Baustein ist die mögliche Nutzung von grünem Wasserstoff. Hintergrund ist der erwartete Stromüberschuss aus Windenergie. Aus diesem Grund führt die Stadt Bad Berleburg aktuell eine Wasserstoffpotenzialanalyse durch. Ziel ist die quantitative Ermittlung des lokalen Wasserstoffpotenzials unter Berücksichtigung verschiedener Ausbauszenarien für Erneuerbare Energien, Sektorenkopplung, Wärmeplanung und kommunaler Marktakteure, etwa für Industrieprozesse oder den Mobilitätssektor.

Neue Mobilitätsformen im ländlichen Raum

Die Mobilität wird in Bad Berleburg ebenfalls neu gedacht. Das Mobilitätskonzept 2040 verfolgt das Ziel, eine klimafreundliche und zugleich alltagstaugliche Verkehrsentwicklung zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um einzelne Maßnahmen, sondern um ein abgestimmtes Gesamtsystem. Der öffentliche Nahverkehr soll gestärkt, der Radverkehr ausgebaut und verschiedene Verkehrsmittel besser miteinander verknüpft werden. Gleichzeitig wächst die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge kontinuierlich.

Besonders innovativ ist das Projekt „Go Si-Wi Go“, mit dem neue Formen der Mobilität im ländlichen Raum erprobt werden. On-Demand-Services sollen künftig flexibel buchbar sein und klassische Linienangebote sinnvoll ergänzen. Perspektivisch ist sogar ein autonomer Betrieb denkbar – ein Ansatz, der gerade in dünn besiedelten Regionen neue Möglichkeiten eröffnet.

So entsteht in Bad Berleburg ein Gesamtbild, in dem die Energiewende weit über die reine Stromerzeugung hinausgeht. Sie wird zur Grundlage für eine nachhaltige Stadtentwicklung, die ökologische Verantwortung mit wirtschaftlicher Vernunft und sozialer Teilhabe verbindet. Die Kombination aus klarer Strategie, technologischer Offenheit und konkreten Vorteilen für die Bevölkerung macht die Stadt zu einem überzeugenden Beispiel dafür, wie die Energiewende vor Ort gelingen kann.

Kommunale Pflichtaufgaben

  • Kommunale Wärmeplanung
  • Verkehr/Mobilität

Praxispartner

WestfalenWIND GmbH

Veröffentlicht: Mai 2026