Anklam
Mecklenburg-Vorpommern
Bevölkerungszahl: 11.917
Fläche: 57 km²
Beschaulich sind die ersten Gedanken, die einem in den Sinn kommen, wenn man vom Bahnhof in das Zentrum Anklams läuft. Die knapp 12.000 Einwohner*innen zählende Kommune im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns ist mehr als das – sie trägt auch Hansestadt und Lilienthalstadt in ihrem Namen. Und das spürt man: Otto Lilienthal war nicht nur Visionär, sondern vor allem Ingenieur. Kommt beides zusammen, entstehen aus Visionen Leuchttürme. Die an der Peene gelegene Stadt ist das Tor zur Insel Usedom und profitiert heute wie damals von ihrer Anbindung ans Meer. Und Visionen und Leuchtturmprojekte im Bereich des Ausbaus der Erneuerbaren, des Klimaschutzes und des nachhaltigen Wirtschaftens sind sichtbar und werden über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen.
Bedeutung der Bioenergie
Zwei Projekte sind in diesem Zusammenhang richtungsweisend: das Innovationsbündnis „biogeniV“ und das in der Umsetzung befindliche „Verbundkraftwerk Anklam“. Gefördert wird „biogeniV“ im Rahmen des Bundesprogramms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“. Die Bundesförderung in Höhe von 15 Millionen Euro bis 2028 verfolgt die Stärkung der regionalen Bioenergie sowie die nachhaltige Nutzung biogener Reststoffe zur regionalen Energieversorgung. Die mehr als 40 Partner aus Kommunen, Wissenschaft und Wirtschaft gestalten „ausgehend von der Hansestadt Anklam - eine nachhaltig wirtschaftende grüne EnergieRegion, die mit neuen Innovationen zum Strukturwandel und Klimaschutz in der Region beitragen kann“, so das Bündnis.
Initiatoren von „biogeniV“ sind Michael Galander (Bürgermeister der Hansestadt Anklam), Prof. Dirk Uhrlandt (Wissenschaftliches Vorstandsmitglied des Leibniz-Instituts für Plasmaforschung und Technologie e.V. INP) und Matthias Sauer (Geschäftsführer der Cosun Beet Company in Anklam). Letztere ist umgangssprachlich als Anklamer Zuckerfabrik bekannt. Am 4. April 1883 fand die Grundsteinlegung der damaligen „Aktiengesellschaft Pommersche Zuckerfabrik Anklam“ statt. 10.157 Tonnen Rüben und daraus produzierte 950 Tonnen Zucker waren das Ergebnis der ersten Monate. Heute ist die Zuckerfabrik eine der modernsten Europas und gehört seit März 2009 zum niederländischen Konzern Royal Cosun UA. Zu der Produktion von 220.000 Tonnen Weißzucker aus 1,8 Millionen Tonnen Rüben von etwa 310 Landwirtschaftsbetrieben sind 2008 eine Bioethanol- und 2013 eine Biogasanlage zur Erzeugung von Biomethan aus Reststoffen hinzugekommen.
Das Bündnis profitiert von der Cosun Beet Company als wichtigem Industriepartner mit umfassenden Kenntnissen zu Agrarrohstoffen, Reststoffströmen und Biogas. Neue stoffliche und energetische Nutzungspfade sollen bis dato nicht genutzte biogene Reststoffe und biogenes CO₂ mit Erneuerbaren für nachhaltige chemische Grundstoffe und Kraftstoffe einsetzbar machen.
Innovation und Standortvorteil
2014, noch bevor es ein veröffentlichtes Klimaschutzteilkonzept in Anklam gab, überstieg die auf dem Stadtgebiet erzeugte Strommenge durch Erneuerbare Energien bereits den Strombedarf. Das und die wichtige innovative und vernetzende Arbeit von „biogeniV“ führen uns direkt zum zweiten Leuchtturmprojekt der Kommune: Zum „Tag der Erneuerbaren“ 2024 unterzeichneten die Hansestadt Anklam und ENERTRAG die Absichtserklärung zum „Verbundkraftwerk Anklam“. Ziel ist der Einsatz des über den Bedarf hinaus produzierten erneuerbaren Stroms, um mittels Elektrolyse jährlich etwa 20.400 Tonnen grünen Wasserstoff zu erzeugen. Dieser wird u. a. zu grünem Methanol weiterverarbeitet und die Abwärme anderweitig genutzt. Das zur Herstellung des Methanols notwendige biogene CO₂ wird von der Cosun Beet Company zugeführt. Batterien dienen als Speicher. In einer ersten Phase wird bis Anfang 2027 eine Elektrolyseanlage mit 20 Megawatt (MW) realisiert werden. Nach mehreren darauffolgenden Ausbaustufen plant der Verbund, eine Leistung von 240 MW zu erzielen.
370 Millionen Euro sollen in die Errichtung des Verbundkraftwerks fließen, weitere Erneuerbare ausgebaut werden. Neben neuen Arbeitsplätzen, die dadurch entstehen, legt Anklam hier den Grundstein für die weitere Ansiedlung von Industrie und Forschung.
Neben der bedeutenden Bioenergie verfügt die Kommune auch über den „Solarpark Anklam“, der mit einer installierten Leistung von 7,9 Megawatt Peak (MWp) etwa 2.356 Haushalte mit erneuerbarem Strom versorgt. Ein weiterer Solarpark, die „Anklam Solar Farm“ mit schätzungsweise 300 MWp, ist in Planung. Finanzieren will sich das Projekt ohne EEG-Förderung – direkte Stromabnahmeverträge (Power Purchase Agreements, PPAs) mit großen Abnehmern sind geplant.
Trotz beschlossenem Bebauungsplan regte sich jedoch 2024 Widerstand im Ortsteil Stretense in der neuen Stadtvertretung. Kurz vor dem Spatenstich wurde vom Landkreis Vorpommern-Greifswald eine Normenkontrollklage eingereicht. Die Angst, gutes Agrarland ginge verloren, erwies sich als unbegründet. Um dennoch den Anwohner*innen hinsichtlich der Größe und weiteren Bedenken entgegenzukommen, wurde die geplante Fläche von mehr als 300 Hektar auf etwa 130 Hektar reduziert sowie eine Kooperation des Erzeugers mit dem Versorger Energie Vorpommern hinsichtlich eines Regionaltarifs für Bürger*innen geschlossen. Die Stadt würde vom Solarpark nicht nur mit Blick auf den Ausbau ihres Standortvorteils neben dem Binnenhafen profitieren, sondern auch 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) erhalten. Ein Stopp des Baus würde der Gemeinde finanziell schaden und Investoren verschrecken, so Bürgermeister Galander. 2026 soll theoretisch mit dem Bau begonnen werden. Industrie und entsprechende Investoren wurden schon früh von der Gemeinde als essenzielles Standbein neben dem Tourismus für die Zukunft der Stadt erkannt.
Kommunale Wärmeplanung
Auf die Frage „Wenn die Region synthetische Kraftstoffe selbst herstellen könnte, wären Sie dann mit der Vergrößerung der Industrie in Anklam einverstanden?“ antworteten in einer Akzeptanzanalyse von 200 Befragten in Anklam 33 Prozent mit „Voll und ganz“ und rund 35 Prozent stimmten dem grundsätzlich auch zu. Lediglich 3,4 Prozent gaben an, „eher nicht“ damit einverstanden zu sein. Selbst in der Kommunalen Wärmeplanung spielt die Industrie mit Abwärmenutzung eine Rolle – genauso wie die fast energieautark arbeitende Grundstücks- und Wohnungswirtschafts GmbH Anklam (GWA).
Diese hat ihre Fahrzeugflotte auf E-Mobilität umgestellt. PV-Anlagen auf den Gebäuden der GWA und ein Batteriespeicher speisen die Ladesäulen und die Steuerungs- und Regeltechnik im Heizwerk. Die GWA ist ein wichtiger Player in der nachhaltigen Wärmeversorgung Anklams. Bis 2040 will die Kommune klimaneutral werden. Eng mit der GWA verbunden ist die AnkER GmbH. Diese Tochter der GWA entwickelt und setzt Energieprojekte um, ist Teil des Verbundkraftwerks. Die Nutzung von Tiefengeothermie wird derzeit geprüft.
Der Abschlussbericht zur Kommunalen Wärmeplanung der Theta Concepts GmbH kommt zu dem Schluss: „Insgesamt besitzt die Hansestadt Anklam ausreichend Potenziale, um die Wärmewende zu schaffen. Eine Umsetzung bis zum Zieljahr 2040 erfordert jedoch konsequente Planung und Umsetzung.“ Die derzeit vor allem mit Erdgas gespeiste Wärmeversorgung der Kernstadt soll kontinuierlich mit nachhaltiger Wärme versorgt werden. Neben biogener Wärme läge viel Potenzial in der „unvermeidbaren Abwärme aus Elektrolyse“ – wie sie im Verbundkraftwerk geplant ist. Während in der Kernstadt der Ausbau der Fernwärme aufgrund dichter Bebauung und vielseitigen, hohen Verbrauchs empfohlen wird, empfiehlt die Wärmeplanung in den Peripherien Anklams „dezentrale Versorgungslösungen, wie Luft- und Erdwärmepumpen oder Biomasse-Heizungen“. Aber auch das Thema Energieeffizienz spielt eine Rolle. Anfang 2025 setzte die Hansestadt Anklam intelligente Heizungsthermostate ein: unter anderem in den Rathäusern, der Grundschule „Gebrüder Grimm“ und der Regionalen Schule „Friedrich Schiller“. Diese sind in der Lage, die Raumtemperatur automatisch zu senken, wenn ein Raum eine Zeit lang aufgrund beziehungsweise ein Büro aufgrund von Homeoffice, Urlaub, Ferien oder Krankheit nicht genutzt wird. Das erwartete Einsparpotenzial bei den Heizkosten liegt zwischen 20 und 25 Prozent Heizkosten pro Jahr. Nach dem Winter wird es eine erste Auswertung geben.
Bevölkerung mitnehmen
Da die Kommunale Wärmeplanung für Gebiete außerhalb der Kernstadt eher dezentrale Lösungen empfiehlt, ist die unabhängige, Energieberatung im Rathaus durch die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern ein essenzielles Angebot. An vielen Stellen versucht die Stadt, die Bürger*innen mitzunehmen. Sei es beim jährlich stattfindenden „Tag der Erneuerbaren“, mit Schulprojekten, Tagen der offenen Tür oder Mieterstrom-Modellen der AnkER GmbH. Die genossenschaftlichen Inselwerke bieten E-Ladesäulen und die Stadt vermittelt so genannte „Eignungs-Checks“ für Häuser hinsichtlich einer Solarthermie- oder PV-Anlage.
Mit 32,5 Prozent hatte der Haushaltssektor 2012 den größten Anteil an den Treibhausgasemissionen Anklams. Gefolgt von Wirtschaft und Verkehr mit etwa 30 Prozent. Anders verhält es sich im Endenergieverbrauch der Stadt. Hier wird fast 70 Prozent durch die Prozessenergie genutzt. Umso wichtiger ist das geplante Verbundkraftwerk.
2040 möchte Anklam klimaneutral sein. Der Bürgermeister, Michael Galander ist zuversichtlich: „Hand in Hand mit biogeniV, GWA und AnkER gestalten wir die Anklamer Energieregion!“
Anklam zeigt, welche Potenziale Erneuerbare zusammen mit einer Vision und einem gemeinsamen Ziel verpflichteten Netzwerk aus Kommune, Wirtschaft und Wissenschaft entfesseln können. Natürlich stößt man damit nicht immer und überall auf offene Ohren, aber Kompromisse, Akzeptanzarbeit und letztlich auch erste positive Auswirkungen auf eine Region helfen, Kommunen krisenfest zu machen.
Kommunale Pflichtaufgaben
- Kommunale Wärmeplanung
Veröffentlicht: Februar 2026