Görlitz
Sachsen
Görlitz: Klimaneutralität als Gemeinschaftsprojekt
Als die Stadt Görlitz 2019 das Ziel ausrief, bis 2030 klimaneutral zu werden, war dies zunächst vor allem ein politisches Signal. Aus einer programmatischen Ankündigung entwickelte sich in den folgenden Jahren jedoch ein breit angelegter Transformationsprozess, der heute weit über einzelne Klimaschutzmaßnahmen hinausgeht. Die ostsächsische Stadt verbindet technische Infrastrukturprojekte mit neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft – und wird damit zunehmend zu einem Referenzfall für kleinere und mittlere Städte im Strukturwandel.
Görlitz liegt im Dreiländereck Deutschland–Polen–Tschechien und bildet gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec eine Europastadt. Als größte Stadt des Landkreises Görlitz und ehemalige Kohleregion steht sie vor ähnlichen Herausforderungen wie viele Kommunen in strukturschwächeren Regionen Europas: demografischer Wandel, begrenzte kommunale Ressourcen und die Notwendigkeit, Klimaschutz mit wirtschaftlicher Entwicklung zu verbinden.
Dabei kann die Stadt auf eine längere Tradition aufbauen. Bereits 2001 wurde Klimaschutz im Integrierten Stadtentwicklungskonzept verankert. Sieben Auszeichnungen mit dem European Energy Award dokumentieren die kontinuierliche Arbeit der vergangenen Jahre. Mit dem Beschluss, Klimaneutralität bis 2030 anzustreben, erhielt dieses Engagement jedoch eine neue strategische Ausrichtung.
Von der Zielsetzung zum Transformationsprozess
Bemerkenswert ist dabei die Entstehungsgeschichte des Vorhabens. Das Klimaneutralitätsziel entstand nicht allein aus dem langjährigen Fachkonzept heraus, sondern aus einem politischen Moment. Im Bürgermeisterwahlkampf 2019 wurde Klimaschutz zu einem wichtigen Thema. Nach der Wahl des heutigen Oberbürgermeisters Octavian Ursu entstand die Herausforderung, die öffentliche Zielsetzung mit konkreten Inhalten und Maßnahmen zu untersetzen. Grundlage bildet ein 2020 erarbeiteter Leitfaden, der als Basis für einen stadtgesellschaftlichen Masterplan dient.
Hier setzte das Forschungsprojekt TRUST („Transformation auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt“) an, das vom Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS) des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung begleitet wurde. Gemeinsam mit Stadtverwaltung, Stadtwerken, Wirtschaftsförderung, Vereinen und weiteren Akteuren entwickelte das Projekt über vier Jahre hinweg konkrete Transformationspfade für die Bereiche Energie, Mobilität, Bauen, Bildung und Stadtentwicklung.
Im Mittelpunkt standen sogenannte Transformationsarenen. Rund 40 Akteur*innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft kamen regelmäßig zusammen, analysierten den Status quo, entwickelten Zukunftsbilder und erprobten konkrete Maßnahmen. Dabei zeigte sich eine Besonderheit mittelgroßer Städte: Viele Beteiligte bewegen sich gleichzeitig in unterschiedlichen Rollen – als Unternehmer, Stadträte, Vereinsvorstände oder Verwaltungsmitarbeitende. Wie Projektleiter Prof. Dr. Robert Knippschild (IZS) feststellt, wurden vorhandene Netzwerke erstmals systematisch auf Klimafragen ausgerichtet – darin lag ein großer Mehrwert des Projekts.
Technische Transformation: Wärme, Energie und Infrastruktur
Parallel zum Beteiligungsprozess wurden konkrete Infrastrukturvorhaben vorangetrieben. Das bekannteste Beispiel ist das Projekt „UNITED HEAT", das die Fernwärmenetze von Görlitz und Zgorzelec miteinander verbindet – getragen von den Stadtwerken Görlitz AG und dem polnischen Partner SEC Zgorzelec Sp. z o.o. Ziel ist eine grenzüberschreitende Wärmeversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien. Den größten Anteil am geplanten Energiemix für die Europastadt Görlitz/Zgorzelec hat Biomasse mit 48 Prozent, gefolgt von Wärmepumpen mit 33 Prozent – die die Wärme unter anderem aus dem Berzdorfer See und aus Abwasser gewinnen – sowie Solarthermie mit 17 Prozent. Power-to-Heat und Abwärmerückgewinnung decken den Rest ab.
Dafür sind rund 12 Kilometer neue Netzinfrastruktur geplant, die künftig auch weitere Abnehmer entlang der Verbindungsstrecke erschließen soll. Das Projekt gilt als europäisches Modellvorhaben. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 195 Millionen Euro – davon etwa 158 Millionen Euro auf deutscher und 37 Millionen Euro auf polnischer Seite.
„Die finanzielle Unterstützung durch EU und Bund macht den Unterschied zwischen Vision und Wirklichkeit aus", sagt Matthias Block, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Görlitz AG. „Ohne diese Förderung wäre das Projekt in der geplanten Form nicht realisierbar. Zumindest nicht, wenn wir weiterhin wettbewerbsfähige Preise für unsere Kunden anbieten wollen.“
Im März 2026 fand der Spatenstich statt, an dem auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche teilnahm – ein Signal für die politische Rückendeckung auf höchster Ebene. Nach Schätzungen der Stadtwerke könnten durch das Projekt jährlich rund 50.000 Tonnen CO₂ eingespart werden.
Die Realisierung bringt aber auch Hürden mit sich, die über technische Aspekte hinausgehen. „Solche länderübergreifenden Vorhaben sind selten. Wir betreten in vielen Bereichen Neuland und arbeiten eng mit den zuständigen Ministerien zusammen, um bislang unbeachtete Fragestellungen zu klären", so die Stadtwerke Görlitz AG.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Standortvorteil
Die Lage an der deutsch-polnischen Grenze prägt viele Entwicklungen in Görlitz. Neben „UNITED HEAT" engagiert sich die Stadt inzwischen auch beim Aufbau grenzüberschreitender Energiegemeinschaften. Anfang 2026 wurde die Europastadt gemeinsam mit Partnern aus Deutschland und Polen von der Europäischen Kommission als einer von wenigen Standorten in das EU-Pilotprogramm „Cross-Border Energy Communities" aufgenommen.
Das Vorhaben trägt den Namen „Energizing Borders" und wird von der Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH koordiniert. Ausgangspunkt ist ein konkretes Problem: Netzengpässe blockieren auf beiden Seiten der Neiße den Anschluss neuer Erneuerbaren-Energien-Projekte – gemeinsam lassen sich Förderanträge und Lösungsansätze wirkungsvoller entwickeln als im nationalen Alleingang. Beim ersten binationalen Workshop im Juni 2026 in Zgorzelec zeigte sich dabei, wo die eigentliche Hürde liegt: nicht im fehlenden technischen Know-how, sondern in den unterschiedlichen Rechtsrahmen beiderseits der Grenze. Während das EU-Recht gemeinsame Energiegemeinschaften grundsätzlich vorsieht, fehlen auf nationaler Ebene noch die passenden Umsetzungsregeln. Als Zwischenlösung wird geprüft, ob bestehende Strukturen auf beiden Seiten so miteinander verknüpft werden können, dass sie in Datenverwaltung, Bilanzierung und Investitionsplanung bereits gemeinsam agieren, ohne dass dafür sofort Strom physisch über die Grenze fließen muss. Ein zweiter Workshop folgt im September 2026 in Görlitz.
Auch im Bereich der Klimaanpassung setzt Görlitz auf Kooperation. Die Wasserversorgung der Europastadt stützt sich vollständig auf Grundwasser – auf natürliche Vorkommen, Uferfiltrat aus der Neiße und künstliche Grundwasseranreicherung. Der Grundwasserleiter erstreckt sich dabei grenzüberschreitend zwischen Deutschland und Polen. Im Projekt „CRossWATER" entwickeln die TU Dresden als Leadpartnerin, die Schlesische Universität Katowice, die Städte Görlitz und Zgorzelec sowie die lokalen Wasserversorger gemeinsam ein modernes Grundwassermanagementsystem. Bis 2027 sollen ein erweitertes Messnetz mit modernen Sensoren und eine digitale Plattform zur Echtzeit-Analyse der Wasserressourcen aufgebaut werden – damit beide Städte schneller auf Dürren oder Verschmutzungen reagieren können. Das Projekt läuft bis Dezember 2027 im Rahmen des EU-INTERREG-Programms Polen-Sachsen und hat ein Gesamtbudget von rund 1,75 Millionen Euro, wovon 80 Prozent aus EU-Mitteln stammen.
Klimaschutz als kommunale Querschnittsaufgabe
UNITED HEAT, Energizing Borders und CRossWATER zeigen, wie technische und institutionelle Zusammenarbeit ineinandergreifen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre legen nahe, dass Klimaneutralität in Görlitz weniger als einzelnes Klimaschutzprogramm verstanden wird, sondern als Querschnittsaufgabe der Stadtentwicklung. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur technische Lösungen, sondern die Frage, wie unterschiedliche Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam Zukunftsentscheidungen treffen können.
Ein Beispiel für ein perspektivisches Handlungsfeld ist die Entwicklung des Gebäudebestands. Görlitz verfügt über rund 5.000 leerstehende Wohnungen, gleichzeitig wird mit dem Aufbau des Deutschen Zentrums für Astrophysik ein deutlicher Zuzug von Fachkräften erwartet. Aus Sicht der Stadtentwicklung stellt sich daher die Frage, wie bestehende Gebäude aktiviert und saniert werden können, anstatt zusätzlichen Flächenverbrauch durch Neubauten zu erzeugen. Die Reaktivierung des Bestands gilt als einer der größten klimapolitischen Hebel der kommenden Jahre.
Die Herausforderung der Verstetigung
Mit dem Auslaufen des TRUST-Projekts endet die Leibniz-finanzierte Prozessbegleitung. Fünf Handlungsfelder wurden für die Verstetigung formuliert: politische Legitimation, Koordination, Vernetzung, Kommunikation und Finanzierung. Regelmäßige Befassungen des Stadtrats mit Klimafragen, eine dauerhafte Koordinierungsstruktur sowie die Fortführung der Transformationsarenen sollen dazu beitragen, die entstandenen Netzwerke langfristig zu sichern.
„Unser Ziel ist ein funktionierendes Netzwerk über Bereiche und Hierarchien hinweg, das unabhängig von einzelnen Personen funktioniert", sagt Dr. Marek Jaskólski, Projektmanager Nachhaltigkeit bei der Europastadt GörlitzZgorzelc GmbH. „So werden Wissen, Erfahrungen und Projekte kontinuierlich weitergetragen, und neue Impulse können jederzeit aufgenommen werden."
Kommunale Pflichtaufgaben
- Kommunale Wärmeplanung
- Straßenbeleuchtung
- Öffentliche Wasserversorgung
Veröffentlicht: Juli 2026