Enzkreis
Baden-Württemberg
Der Enzkreis in Baden-Württemberg verfolgt seit über einem Jahrzehnt eine strukturierte Klimaschutz- und Energiewendestrategie. Neben dem Ausbau Erneuerbarer Energien und dem Einsatz flexibler Technologien legt der Landkreis einen Schwerpunkt auf Information, Beratung und Beteiligung. Durch die enge Zusammenarbeit von Kommunen, Energieagentur, Unternehmen und Bürger*innen wird die Energiewende schrittweise in die Fläche getragen.
Der Enzkreis liegt in Baden-Württemberg, umschließt die Stadt Pforzheim und grenzt an die Metropolregionen Karlsruhe und Stuttgart. Mit 28 Städten und Gemeinden und knapp 200.000 Einwohner*innen vereint der Landkreis ländliche und urbane Räume. Wirtschaftlich ist der Enzkreis durch einen breit aufgestellten Mittelstand geprägt, insbesondere in Maschinen- und Fahrzeugbau, Metallverarbeitung, Medizintechnik und Feinmechanik.
Früher Start, klare Ziele: Klimastrategie des Enzkreises
Seit 2010 engagiert sich der Landkreis systematisch für den Klimaschutz. Unter dem Motto „Enzkreis-Klima-Wendekreis“ definierte das Landratsamt eigene Klimaziele, verankerte sie in seinem Leitbild und nahm am European Energy Award (eea) teil. 2024 wurde der Enzkreis dabei zum vierten Mal in Folge mit Gold ausgezeichnet. Der Landkreis hat mehr als 75 Prozent der Bewertungskriterien im Rahmen des europäischen Qualitätsmanagement- und Zertifizierungsverfahrens für Klimaschutz erfüllt. Entscheidende Gründe waren das neue Treibhausgas-Neutralitätskonzept mit zehn großen Maßnahmen sowie das umfassende energiepolitische Arbeitsprogramm, mit dem der Kreis systematisch CO₂-Emissionen in Gebäuden, Fuhrpark und der Wärmewende reduziert.
Bis 2040 soll Treibhausgasneutralität erreicht werden, mit einem Zwischenziel von 65 Prozent Emissionsreduktion bis 2030 (gegenüber 1990). Diese Zielsetzungen orientieren sich am Klimaschutzgesetz Baden-Württemberg. Die Agenda 2030 mit den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen dient dem Enzkreis als übergeordneter Kompass, die Ergebnisse werden transparent über ein Online-Dashboard und Indikatorenberichte veröffentlicht. Darüber hinaus berichtet der Landkreis mit einem Voluntary Local Report direkt an die Vereinten Nationen.
Vorbild Verwaltung, Wirkung in die Fläche
Die Strategie unterscheidet zwischen internen Maßnahmen im Landratsamt – etwa energetische Sanierung kreiseigener Gebäude, regenerative Wärmeversorgung, PV-Stromerzeugung, Fuhrpark-Optimierung und Mitarbeiter*innen-Sensibilisierung – und externen Maßnahmen, wie zum Beispiel Beratung der Einwohner*innen und Gemeinden, Bewusstseinsbildung an Schulen oder das kommunale Energieeffizienznetzwerk. Seit 2010 konnten die Emissionen im Landratsamt pro Personalstelle um 31 Prozent gesenkt werden. Die Umsetzung der Maßnahmen steigert die lokale Wertschöpfung und verhindert langfristige Klimafolgekosten.
Der Enzkreis engagiert sich auch global: Seit 2011 besteht eine Klimapartnerschaft mit dem Masasi Distrikt in Tansania. Im Rahmen der Nakopa-Projekte wurden Biogasanlagen errichtet, ein Solarsystem für ein Krankenhaus installiert und lokale Techniker*innen ausgebildet, um nachhaltiges Wissen vor Ort zu verankern. Die Nakopa-Projekte wurden durch die Engagement Global gGmbH / Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (BMZ) kofinanziert.
Seit Januar 2025 unterstützt eine Klimaschutzkoordination die Umsetzung der Maßnahmen, vernetzt Akteure und entlastet sieben kleinere Kommunen. Aktuell reagiert der Landkreis auf das 2025 geänderte Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsgesetz Baden-Württemberg, das flächendeckende Klimaanpassungskonzepte fordert. Der Landkreis erstellt zunächst ein eigenes Konzept und wird darauf aufbauend Konzepte für die Gemeinden entwickeln.
Koordiniert und vernetzt
Im Enzkreis wird die Energiewende als zentrale Gemeinschaftsaufgabe verstanden und Schritt für Schritt vorangetrieben. Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der regionalen Energiewende nimmt die Klimaschutz- und Energieagentur Enzkreis Pforzheim keep gGmbH ein, die gemeinsam mit der Stadt Pforzheim betrieben wird und eng mit dem Klimaschutzmanagement des Kreises zusammenarbeitet. Sie unterstützt Kommunen, Haushalte und Unternehmen bei Energieeffizienz, Erneuerbaren Energien und klimafreundlicher Wärmeversorgung. Sie begleitet lokale Projekte, erstellt CO₂-Bilanzen und bietet Bildungsangebote an Schulen und Kindergärten an. Das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg fördert die Arbeit der Energieagentur im Bereich der kommunalen Wärmeplanung.
Die kontinuierliche Arbeit der keep gGmbH hat dazu geführt, dass ein Großteil der Kommunen im Enzkreis dem „Klimapakt Baden-Württemberg“ beigetreten ist. Gleichzeitig unterstützt die Agentur bei der Fördermittelakquise bis hin zur Frage, wie Bürger*innen bei anstehenden Veränderungen mitgenommen werden können.
Darüber hinaus gibt es im Enzkreis aktuell fünf Energiegenossenschaften, die sich mit der dezentralen Energieversorgung auseinandersetzen. Die Bürgerenergie Region Mühlacker eG sticht dabei besonders hervor: Mit 16 PV-Projekten und sechs Windenergie-Projekten erzeugte sie 2023 knapp über 15.000 Megawattstunden und konnte so rechnerisch knapp 5.000 Zwei-Personen-Haushalte mit Erneuerbarer Energie versorgen. Diese Initiativen zeigen, dass die Region nicht nur auf kommunaler Ebene, sondern auch durch direkte Bürger*innenbeteiligung an konkreten Lösungen für eine nachhaltige Energiezukunft arbeitet.
Dr. Hilde Neidhardt, Erste Landesbeamtin, zuständig für den Klimaschutz, betont: "Durch eine regelmäßige Öffentlichkeitsarbeit und zahlreiche Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung auf verschiedensten Ebenen möchten wir möglichst viele Menschen jeglichen Alters beim wichtigen Thema Klimaschutz mitnehmen und kompetent beraten. Der Zuspruch bei unseren Vortragsveranstaltungen und Aktionstagen zeigt, dass dies auch gelingt. Ich bin daher optimistisch, dass wir – auch dank der guten Vernetzung mit weiteren engagierten Mitstreitern und den Kommunen im Enzkreis – die Energiewende voranbringen."
Solarparks und Wärmenetze: Energieprojekte im Kreis
Der Enzkreis bilanziert seine Fortschritte im Bereich der Erneuerbaren Energien transparent. Bei der lokalen Erzeugung von Strom und Wärme lag die Region 2019 noch unter dem Landesdurchschnitt. Daraus wurden klare Handlungsfelder abgeleitet: Der Landkreis setzte vorrangig auf den weiteren Ausbau von Photovoltaik, Windenergie und Biomasse. Gleichzeitig wurden naturräumliche Grenzen realistisch berücksichtigt – etwa durch Topografie und Wasserschutzgebiete, die den Ausbau von Wasserkraft und Geothermie begrenzen.
Konkrete Projekte machen die Strategie sichtbar: Die größte PV-Freiflächenanlage im Enzkreis steht in in Wiernsheim-Iptingen und kann rechnerisch alle Privathaushalte vor Ort mit Strom versorgen, fünf weitere große Anlagen sind in Betrieb. Allein 2024 wurden im Enzkreis Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 38 Megawatt Peak installiert, ausreichend für rund 10.500 Haushalte.
Bei der Windenergie liefert der Windpark Straubenhardt rechnerisch mehr Strom, als die Gemeinde verbraucht. Seit 2024 ergänzt ein interkommunaler Windpark in Neuenbürg die regionale Erzeugung.
Gleichzeitig stellen die schwankende Verfügbarkeit von Sonne und Wind neue Anforderungen an die Versorgungssicherheit. Ein Beispiel für flexible Lösungen ist die Brennstoffzellenanlage der Stadtwerke Mühlacker, die Strom aus lokalem Biomethan erzeugt und überschüssige Energie speichert, um Schwankungen im Netz auszugleichen.
Im Wärmesektor zeigt das geförderte Wärmenetz „Energiequartier Mitte“ in Ispringen, wie kommunale Wärmeplanung praktisch umgesetzt werden kann – mit einem bivalenten System aus Holzpelletkesseln, Wärmepumpe, Solarthermie und PV-Strom.
Die Energiewende im Enzkreis umfasst nicht nur die Energieerzeugung, sondern auch den Gebäudebereich. Neben der regulären Energieberatung wurde ein Denkmalnetzwerk aufgebaut, das die energetische Sanierung denkmalgeschützter Gebäude unterstützt. Eigentümer*innen, Handwerksbetriebe, Architekt*innen und Energieberater*innen bündeln hier ihr Wissen und stellen es Interessierten zur Verfügung.
Mobilität neu denken: Die Verkehrswende im Enzkreis
Ein weiterer zentraler Pfeiler ist die Verkehrswende, die im Enzkreis massiv vorangetrieben wird. Seit August 2024 bündeln Koordinator*innen für Mobilität und Klimaschutz alle Aufgaben, um nachhaltige Mobilitätsangebote weiter auszubauen, verschiedene Verkehrsarten sinnvoll zu verknüpfen und den Klimaschutz als oberste Priorität zu verankern.
Ein großer Schritt auf diesem Weg ist der Start des Klimamobilitätsplans im Enzkreis. Der Landkreis gehört zu den neuen Startklar-Kommunen des Landes Baden-Württemberg. Ziel des Plans ist es, Maßnahmen für bessere Rad- und Fußwege, einen stärkeren ÖPNV, Sharing-Angebote, Verkehrsberuhigung und intelligentes Parkraummanagement zu bündeln. Bürger*innen werden frühzeitig in die Planung einbezogen. Die Landesregierung unterstützt die Umsetzung fachlich und finanziell, wobei Infrastrukturmaßnahmen mit einem Fördersatz von bis zu 75 Prozent vom Verkehrsministerium Baden-Württembergs gefördert werden. Folgende Maßnahmen wurden und werden ergriffen:
- Radverkehr: Das Radwegenetz wird basierend auf einem Kreistagsbeschluss kontinuierlich ausgebaut. Im Oktober 2024 erreichte der Enzkreis bereits die Qualitätsstufe für Fuß- und Radverkehr der AGFK Baden-Württemberg. In Mühlacker gibt es zudem ein vollautomatisches Fahrradparkhaus.
- E-Mobilität und Sharing: Das E-Carsharing wurde massiv ausgeweitet, sodass in nahezu jeder Gemeinde flexible Stationen mit Elektroautos zur Verfügung stehen.
- ÖPNV und flexible Angebote: Neben einem gut ausgebauten Busnetz bietet die Linie 702 einen speziellen Bus mit Fahrradanhänger für Radtourist*innen. In Wiernsheim und Maulbronn ergänzen Bürger*innenbusse das Angebot im ländlichen Raum. Seit 2023 sorgen zudem in Remchingen und Keltern BW-Shuttles nach 21 Uhr für flexible, per App buchbare Mobilität.
- KVV-Beitritt steht bevor: Um den öffentlichen Nahverkehr weiter zu verbessern und die Nutzung zu vereinfachen, sind der Landkreis und die Stadt Pforzheim zum 1. Januar 2026 dem Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) beigetreten. Damit sollen Tarifgrenzen abgebaut werden, was den Umstieg auf Bus und Bahn attraktiver macht. Der KVV bringt zudem Erfahrungen und digitale Konzepte wie die KVV.regiomove-App mit ein. Ergänzend wird derzeit eine neue Stadtbahn-Strecke vom westlichen Enzkreis durch Pforzheim in den Südosten untersucht.
„Der Enzkreis leistet seit Jahren seinen Beitrag gegen die globale Erwärmung und passt sich gleichzeitig an die möglichen Folgen des Klimawandels an. Beleg dafür sind die wiederholten Auszeichnungen mit dem European Energy Award in Gold oder unsere Nachhaltigkeitsstrategie, die ich in diesem Sommer bei den Vereinten Nationen in New York vorstellen durfte. Über die jetzige Auszeichnung zur Energie-Kommune des Monats Januar 2026 freue ich mich sehr, da sie das Engagement im Enzkreis sichtbar macht", erklärt Landrat Bastian Rosenau abschließend.
Veröffentlicht: Januar 2026